Ein Bote mehr oder weniger

 

»… Meine Handlungen sind ein Resultat eurer Welt ….«

Amoklauf ist eine aufs Öffentlichste gerichtete öffentliche Verkündung einer Botschaft des Angriffs – auf Andere und auf sich selbst. Sie ist auch eine zugleich demonstrierte Botschaft. Und eine Botschaft des Angriffs ist eine Botschaft des Hilfeschreis. Amokläufer haben etwas von der Wirkweise und Bedeutung von Öffentlichkeit in den heutigen Zeiten begriffen, in die sie hinein ihre Botschaften absetzen. Viele unter uns, die diese Nachrichten zu Ohren bekommen, meinen, Botschaften dieser Amokläufer hätten früher gehört werden sollen. Das mag sein. Zusätzlich kann aber auch sein, dass sie in ihrer Authentizität erst hinter der Tat vernommen werden und vernommen werden können; manchesmal sagen es uns die Amokläufer auch derart: ‚Jetzt hört Ihr mir zu.’ Manchesmal mögen das Töten und Verletzen der Opfer und des Amokläufers Tod ein bewusster sinnhafter und absichtsvoller Tod der Verkündigung heiliger und heilsamer Botschaften sein.

 

Mit dem Amoklauf wird unüberschaubar viel und entsetzliches Leid hervorgerufen. Mein Mitgefühl weilt bei den Verletzten und Hinterbliebenen, bei den in Frage Gestellten und in Frage Stellenden, bei den in weitere Verzweiflung Geworfenen. Ich möchte mich ihnen in Stille zuwenden.

 

 

 

Ein Mensch bringt Andere und dann sich selbst um. Häufig hinterlässt er (Amokläuferinnen gibt es wohl noch keine …) eine Art Testament. Mir geht es bei dem Lesen solcher Dokumente so, dass mir der Sinn nach einer objektiven Wahrheit mehr und mehr schwindet. Hier tut jemand seine Zuwendung zu der Welt auf, zu seinen Nächsten, zu seinem Verhältnis zur Öffentlichkeit, zu seinem Verhältnis zu den Medien und zu der Nachwelt, seine Zuwendung zu seiner Jugend und damit zu seiner Zukunft in Hoffnung, etc. – ich werde stiller und stiller. Es ist fast wie bei einer Liebeserklärung, die mich anwallt – ich bin, Grad um Grad, nur Empfänger und kehre in mein Gegenüber ein.

Obschon, jedes Wort gräbt sich ein, und es ist sehr wohl so, dass ich danach und im weiteren Verlauf meines Lebens zu dieser Erklärung Einiges, nicht gerade Unwichtiges, zu sagen habe.

 

 

Hier die auf Bastian B.’s Homepage hinterlassenen Zeilen ….

 

» Wenn man weiß, dass man in seinem Leben nicht mehr Glücklich werden kann, und sich von Tag zu Tag die Gründe dafür häufen, dann bleibt einem nichts anderes übrig als aus diesem Leben zu verschwinden. Und dafür habe ich mich entschieden. Es gibt vielleicht Leute, die hätten weitergemacht, hätten sich gedacht ‚das wird schon’, aber das wird es nicht …. Das einzigste was ich intensiv in der Schule beigebracht bekommen habe war, das ich ein Verlierer bin. Für die ersten Jahre an der GSS [Geschw.-Scholl-Schule; Th.B.] stimmt das sogar, ich war der Konsumgeilheit verfallen, habe danach gestrebt Freunde zu bekommen, Menschen, die dich nicht als Person, sondern als Statussymbol sehen. Aber dann bin ich aufgewacht! Ich erkannte das die Welt wie sie mir erschien nicht existiert, das sie eine Illusion war, die hauptsächlich von den Medien erzeugt wurde …. Eine Welt in der Geld alles regiert, selbst in der Schule ging es nur darum …. Ich verabscheue Menschen …. Kein Bulle hat das Recht mir meine Waffe wegzunehmen …. Nein, es gibt für mich jetzt noch eine Möglichkeit meinem Leben einen Sinn zu geben, und die werde ich nicht wie alle anderen zuvor verschwenden! …. Ihr habt diese Schlacht begonnen, nicht ich. Meine Handlungen sind ein Resultat eurer Welt, eine Welt die mich nicht sein lassen will wie ich bin …. Von 1994 bis 2003/2004 war es auch mein Bestreben, Freunde zu haben. Als ich dann 1998 auf die GSS kam, fing es an mit den Statussymbolen, Kleidung, Freunde, Handy usw. … Mir wurde bewusst das ich mein Leben lang der Dumme für andere war, und man sich über mich lustig machte. Und ich habe mir Rache geschworen! Diese Rache wird so brutal und rücksichtslos ausgeführt werden, dass euch das Blut in den Adern gefriert. … Ich will das sich mein Gesicht in eure Köpfe einbrennt! Ich will nicht länger davonlaufen! Ich will meinen Teil zur Revolution der Ausgestossenen beitragen! Ich will R A C H E ! …. Gebt jedem eine Waffe und die Probleme unter den Menschen lösen sich ohne jedliche Einmischung Dritter. …. Seit meinem 6. Lebensjahr wurde ich von euch allen verarscht! Nun müsst ihr dafür bezahlen! Weil ich weiss das die Fascholizei meine Videos, Schulhefte, Tagebücher, einfach alles, nicht veröffentlichen will, habe ich das selbst in die Hand genommen. Als letztes möchte ich den Menschen die mir was bedeuten, oder die jemals gut zu mir waren, danken, und mich für all dies Entschuldigen! Ich bin weg. «

 

 

[22.11.06 – Th.B.]