"Was ist ein 'Meister'?"

Donnerstag,
den 20. Sept. 2007 [aus: Beliefnet]

Was
ist ein 'Meister'?

Mir
wurde dieser Tage eine sehr interessante Frage gestellt. „Neale“,
wollte die Fragende wissen, „lebst du an einem Ort der
Meisterschaft?“ Ihre Frage war weder unverschämt noch
spöttisch. Ich konnte an ihrem ernsthaften Ausdruck erkennen,
dass sie es echt wissen wollte.

Meine
Antwort kam unverzüglich, wohl nicht recht
beweiskräftig.

„Was
ist Meisterschaft?“

Sie
wiederum: „Du bist der spirituelle Botschafter. Ich hoffte, du
würdest Das sagen.“

Dies
brachte mich dazu, an etwas zu denken, woran ich seit geraumer Zeit
nicht mehr gedacht hatte. Wie sieht es aus, als ein Meister zu leben?
Was überhaupt ist ein 'Meister'? Wer entscheidet das? Anhand
welcher Definition, anhand welchen Maßstabes?

„Für
mich fühlt es sich so an“, begann ich langsam mit meiner
Antwort, „dass es so viele verschiedene Definitionen eines
'Meisters' gibt, wie es Menschen gibt. Und meinem Empfinden nach gibt
es Grade der Meisterschaft. Jemand kann ein Meister in der einen
Sache sein, und nicht in der anderen.

War
Michelangelo ein 'Meister'? War es Pablo Casals? Wie steht es um
Sokrates oder um Plato? Wohin würden wir Gandhi oder Martin
Luther King stellen? Wohin auf der Skala würden wir Mozart,
Albert Einstein, oder was das anbelangt, Babe Ruth einordnen? Wie
steht es um Siddhartha Gautama, um Moses, Jesus oder Muhammed? Was
sagst du über Baha'u'llah oder über Joseph Smith?

Wir
kamen an dem Punkt überein, dass „partielle Meister“ -
Leute, die bestimmte Fertigkeiten oder gewisse Lebensaspekte
gemeistert hatten - nicht das waren, worüber wir redeten. Solche
Menschen könnten als „hochtalentiert“ oder gar als „Genies“
klassifiziert werden, aber laut unserem Maß würden sie
nicht als „Meister“ definiert.

 

„Meisterschaft“,
so entschieden wir, handelte nicht davon, was man tat, sondern davon,
was man war. Es war ein Seinszustand, nicht ein Prozess des Tuns.

Nun
hatten wir zu definieren, welches der Seinszustand war.

„Frieden“,
bot ich an. „Ich denke, ein Meister ist jemand, der ....

....
Frieden ist.“

Doch
wie steht es um Freude oder Liebe? Wie um Vergebung oder
Mitempfinden? War Mutter Teresa eine Meisterin? War es Paramahansa
Yogananda? Letzterer wurde von Vielen als „Meister“ bezeichnet.
Macht dies ihn zu einem?

Und
wie steht es um die Länge der Erfahrung? Was auch immer
„Meisterschaft“ war, musste es jemand ständig sein, die
meiste Zeit, dann und wann, gelegentlich – oder war ein einzelnes
Mal gut genug?

Wie
steht es um jemand, der 'Episoden' der Meisterschaft aufweist, der
aber auch Episoden erträgt, wo er ein irgendwie normaleres
Menschenwesen – mit Schwächen – ist? Wo ist die Grenzlinie?
Sobald jemand die Meisterschaft zu fünfzig Prozent der Zeit
veranschaulicht? Zu fünfundsiebzig Prozent? Zu neunzig Prozent?

Um
das in der Alltagssprache zum Ausdruck zu bringen – essen Meister
Eiscreme?

Über
Paramahansa Yogananda, den Schöpfer der Self Realization
Fellowship, gibt es eine Anekdote; eines Tages nahm er drei seiner
Schüler nach etlichen Stunden der Meditation zu sich, lud sie in
sein Auto und fuhr weg, um für jeden von ihnen eine Waffel
Eiskreme zu kaufen. Der Meister, so stellte es sich heraus, liebte
Eiskreme, und bereitete sich immer mal wieder diese Gaumenfreude. Und
ganz offensichtlich war dies nicht die einzige Leckerei, die er sich
leistete. Yogananda war, gemäß der meisten vertraulichen
Beschreibungen, ein beleibter Mann.

Dies
führt uns zu einer anderen Frage. Sind alle Meister
untergewichtig? Ist es in Ordnung, wenn sie übergewichtig sind?
Gibt es für einen Meister ein spezielles körperliches
Profil?

Vielleicht
geht es um Gesundheit, nicht um Größe und Form. Sind alle
Meister gesund? Ist es möglich, krank zu sein und gleichwohl
Meister zu sein? Kann jemand körperliche Gebrechen und Schmerzen
haben? Ist es in Ordnung, eine Brille zu brauchen?

Welches
sind hier die Erfordernisse?

Einige
Leute haben formuliert, ein Meister müsse jemand sein, dessen
Leben als Beispiel für Andere herhalten könne. Ist dies das
Maß? Ist dies der Zollstock?

Oder
gibt es einen Zollstock? Könnte es sein, dass es dafür
keine Antwort, Die Auf Alles Passt, gibt? Könnte es sein, dass
einige Meister beleibt sind und andere dünn, dass einige gesund
sind und andere Arthritis haben? Dass einige Vegetarier sind und
einige Fleisch essen?

Ist
es möglich, dass einige dann und wann Schlechtes unternehmen,
und dass sie Dinge tun oder sagen, die „normale“ Menschenwesen
nicht tun?

Was
sodann macht einen „Meister“ aus?

„Deine
Fragen bringen mich alle zum Lachen“, sagte meine Freundin. „Das
sind Fragen eines Kindes.“

„Wirklich?“,
hob ich die Augenbrauen. „Was sind dann Fragen eines Erwachsenen?“

„Es
gibt drei“, sagte sie. „Was wählst du zu sein? Welches sind
deine Absichten? Wonach strebst du?“

Ich
bat sie darum, das auseinander zu legen.

„Es
ist keine Frage danach, was jemand tut, das siehst du richtig. Es ist
eine Frage dessen, was jemand ist, dessen, was jemand beabsichtigt,
dessen, was jemand bestrebt.

Jemand
kann das machen, was man „aus der Haut fahren“ nennt. Wenn du das
freilich machst, da du mutig bist oder da du die Absicht hast, das
Leben eines Menschen zu retten, oder da du auf Frieden aus bist, dann
mag „aus der Haut fahren“ das Meisterliche sein, was zu tun ist.“

„Was
du sagst, ist demnach, es sei keine Angelegenheit dessen, was du
tust, sondern davon, weswegen du es tust.“

Sie
lächelte.

„Wie
steht es mit demjenigen mit der Eiskremewaffel? Oder mit dem
Übergewichtigen? Ist diese Person ein Meister?

Was
ist 'Übergewicht'? Dafür gibt es keine Definition. Es hat
damit zu tun, ob jemand gesund ist oder nicht. Sofern ein
'Übergewichtiger' keine gesundheitlichen Probleme hat, hat
dieser einfach das 'richtige' Gewicht! Es steht für denjenigen
nichts im Wege, ein Meister zu sein.

Mit
anderen Worten – sofern ein Meister nicht gesund ist, kann er nicht
Meister sein, ist das richtig?“

„Sie
sind keine Meister ihres Körpers.“

„Sind
sie dann überhaupt Meister? Wir sind wieder bei meiner
'kindlichen' Frage. Was ist ein Meister?“

„Ein
Meister ist jemand, der die Meisterschaft in allen drei Teilen des
Wesens innehat: Körper, Geist, Spirit, auf demjenigen fußend,
was du in deiner Lebenszeit zu erreichen versuchst. Sofern du danach
strebst, dich in das höchste Wesen zu entfalten, das du
womöglich sein kannst, würdest du versuchen, die höchste
Ebene an Gesundheit in deinem Körper, in deinem Geist und in
deinem Spirit herzustellen. Du würdest nichts tun, was für
den einen oder anderen Part deines Seins ungesund wäre.

„Aber“,
fragte ich, „wie definierst du 'Gesundheit'? Was für den einen
Gesundheit sein mag, kann für den anderen ungesund sein.“

„Ich
wusste, dass du mit dieser Frage kommen würdest“, lachte sie.
„Darauf gibt es eine Antwort. 'Gesundheit' kann als das definiert
werden, was das Leben bestärkt, was das Leben erweitert, was das
Leben unterstützt. Gesunde Sachen befördern stets mehr
Leben. Sofern das, was du denkst, sagst oder tust, nicht mehr Leben
unterstützt, ist es nicht gesund.

Wenn
somit übergewichtig sein mehr Leben befördert, mach so
weiter und sei übergewichtig. Sofern du jedoch wahrnimmst, dass
dein Leben sich mindert, dass deine Energie schwindet, dass sogar
deine Lebenserwartung fällt, dann möchtest du dir
vielleicht anschauen, ob dies das darstellt, was man 'Meisterschaft'
nennt. Die Seele will stets Eines: mehr Leben, und umfassenderes und
noch umfassenderes Zum-Ausdruck-Bringen von ihm. Das nennt man
Evolution.“

„Was
also ist der Pfad dorthin?“, fragte ich sie.

„Also,
zunächstmal musst du wissen, dass du sie möchtest. Du musst
dir gewahr sein, dass du ebendem hinterher bist – einer höheren
und höheren Erfahrung des Lebens Selbst, zum Ausdruck gebracht
in, als und durch dich. Sofern dies nicht das darstellt, was du
willst, sofern du dich dafür nicht bewusst entschieden hast,
musst du diese Entscheidung jetzt treffen.

Das
ist keine einfache Entscheidung. Das klingt leicht, aber in
Wirklichkeit ist es eine mutige und ungewöhnliche Entscheidung.
Die meisten Menschen wählen minderes Leben. Deswegen handeln sie
so, wie sie es tun. Sie mögen das nicht bewusst wissen, doch
ihre unbewusste Agenda stellt sich dagegen, mehr Leben zu haben. Ihr
Verhalten ist derart automatisch geworden, derart kulturell
angeleitet und akzeptiert, dass sie nicht einmal wissen, was sie tun.
In einem gewissen Sinne sind sie Schlafwandler.“

Einen
Augenblick lang dachte ich: „Es ist also somit eine Frage des
Bewusstseins.“

„Ja.
Du musst dein Bewusstsein über das gegenwärtige Niveau
hinaus heben. Du musst damit beginnen, dir das genau anzuschauen, wo
du gerade stehst, und was du eben jetzt in deinem Leben tust.

Ein
Meister von Wer Ich Bin zu sein, bedeutet, ständig gewahr zu
sein, wer ich soeben bin. Dann weiß ich, wohin ich gehen
möchte, und was ich tun muss, um nach dorthin zu gelangen.

Als
nächstes ... ich achte auf meinen Atem, ich nehme meinen Atem in
den Blickpunkt.“

„Wieso?“,
wollte ich wissen.

„Da
ich, wenn ich mein Atmen beobachte, das Empfinden spüren werde,
dass ich Leben bin, dass ich die lebendige Form des Lebens Selbst
bin. Sobald ich auf meinen Atem fokussiert bin, gibt dies mir Zeit,
mir des Wer Ich Bin gewahr zu werden, und mich von der Emotion
abzulösen, die ich soeben erschaffe.“

„Ich
verstehe nicht, was du meinst. Ich raffe das nicht“, gestand ich.

„Hast
du dich je darin gesehen, wie du sehr, sehr wütend, oder sehr,
sehr ängstlich wurdest, und wie jemand in deiner Nähe
sagte: 'Nimm einfach einen tiefen Atemzug'. Ist dir das je
untergekommen?“

„Ja“,
sagte ich. „Natürlich.“

„Dann
weißt du, worüber ich rede. Dieser tiefe Atemzug, den du
nimmst, gibt dir Zeit. Er gibt dir buchstäblich Zeit, zu denken.
Zeit, zu erfahren, von neuem zu erfahren Wer Du Wirklich Bist.“

„Wow.
So habe ich nie gedacht.“

Meine
Freundin lächelte ein weiteres Mal.

„Erzähl
mir mehr davon“, sagte ich.

„Im
Verlaufe dieser Zeit machst du dich daran, aufs Neue zu wählen.
Tiefes Atmen verleiht dir eine Erfahrung von Dir, von dem Wirklichen
Du. Es trennt dich in Zeit und Raum von der äußerlichen
Begegnung und von dem inneren emotionalen Gefühl, das, du zu
sein, du dachtest, und bringt dich zur Wirklichkeit zurück.
Zurück zur Letzten Wirklichkeit, nicht zur eingebildeten
Wirklichkeit des Momentes, die allesamt eine Illusion darstellt.

Stell
dir nun vor, was geschähe, sofern du dich nicht nur auf deinen
Atem konzentrierst, sobald du ärgerlich, oder geängstigt
bist, oder sobald du dich in der einen oder anderen 'atemberaubenden'
Situation befindest, sondern auch, wenn du das nicht bist. Stell dir
vor, was geschähe, sofern du jeden Tag, viele Male am Tag, als
eine Angelegenheit der spirituellen Praxis, 'einen tiefen Atemzug
nähmest'? Ist dies nicht eine verblüffend einfache Idee?
Doch sie funktioniert. Das ist das wirklich Verblüffende daran.
Sie funktioniert! Das bringt dich zu dir selbst zurück, da das,
was du einatmest, das Leben ist, die Energie des Lebens Selbst ist,
und das meint, du überreichst dir selbst buchstäblich mehr
von dir selbst, mehr von Wer Du Bist.

Sodann
das Dritte. Um Meisterschaft zu erfahren, lasse ich los. Lasse ich
insbesondere die Emotionen los. Das bedeutet nicht, dass ich keine
Emotionen habe, das bedeutet, dass ich mich nicht an das hefte, was
in Erscheinung tritt, während ich sie habe.“

„Was
meint das ... sich ihnen anhaften?“, wollte ich wissen.

„Das
meint, ihnen Bedeutung geben. Eine Emotion ist schier eine Emotion.
Sie ist nicht mehr. Dem entgegengesetzt ist Bedeutung das, was du
über diese Emotion beschließt. Sie ist dein Gedanke über
die Emotion. Und die Gedanken der meisten Menschen fußen auf
ihren vorgefassten Meinungen.“

„Okay,
du hast mich eingefangen“, räumte ich ein.

„Die
Menschen haben vorgefasste Vorstellungen über alles, und
insbesondere über wer sie sind. Sie denken das, wozu sie
konditioniert wurden zu denken. Also erschaffen sie an der
Stelle einen geschlossenen Kreis. Zuerst haben sie eine vorgefasste
Meinung, dann eine Emotion, dann einen Gedanken, der auf ihrer
vorgefassten Meinung fußt. Sie sind wieder am Anfang, wo sie
begannen.

Der
Trick ist ... sich ablösen. Sofern du dich von deiner Emotion
entbindest - lass dich sie einfach haben, doch hefte ihr keinerlei
Bedeutung an -, hast du dich automatisch von deinem Gedanken gelöst.
Mithin kann dich dein Gedanke nicht zu deiner vorgefassten Meinung
über dich selbst zurückführen. Auf diese Weise
übermittelt dir das Entbinden eine ganz neue Auffassung über
dich selbst.

Dies
erschafft auch einen Kreis, aber keinen Teufelskreis. Einen Kreis der
Vollendetheit. Du hast dein Verstehen von Wer und Was Du Bist
vervollständigt. Nun bist du das Gesamte Du. Von diesem Ort her
kommend, wirst du womöglich das nächste Mal, wo du einer
bestimmten Situation gegenüberstehst, eine gänzlich
andersartige Emotion erleben – oder, wie im Falle einiger Meister,
gar keine Emotion.“

Ich
war mir nicht sicher, ob ich den Anklang dabei mochte.

„Möchte
ich wirklich keine Emotionen haben?“

„Entsinne
dich“, sagte meine Freundin, „ich sagte nie etwas über
Gefühle. Ich sagte nie, du würdest keine Gefühle
haben. Gefühle und Emotionen sind freilich nicht das Gleiche.

Emotionen
entspringen Vorurteilen. Gefühle sind schlicht die Energie des
Lebens, die sich durch dich hindurch bewegt. Liebe ist dafür ein
wunderbares Beispiel. Emotionen sind Energie-in-Bewegung
['energy-in-motion' – ThB]. Mit anderen Worten, E+motion. Gefühle
sind die Erfahrung der Energie selbst, inwendig. Emotionen sind der
nach außen gewandte Ausdruck, das 'Hinausdrücken' deiner
Gefühle.

Ich
sage es gerne, Emotionen sind das, was wir mit unseren Gefühlen
tun. Gefühle sind das, was wir haben; Emotionen sind das, was
wir mit dem, was wir haben, tun. Emotionen entfließen unseren
vorgefassten Ansichten über uns selbst. Sobald wir uns
allerdings von unseren Emotionen und von den Gedanken, die ihnen
entfließen, losgelöst haben, gelangen wir zu einer neuen
Konzeption unser selbst.

Auf
diese Weise erschaffen wir uns buchstäblich in jedem Augenblick
aufs Neue. Wir erfahren jeden Augenblick, wie er sich wirklich
ereignet, ohne ihm irgendwas beizufügen. Für mich heißt
das Meisterschaft.

Meisterschaft
ist, zu beschließen, wer du hier eben und hier jetzt bist, und,
wer du als nächstes wählst zu sein. Und sie handelt stets
davon, die höchste Wahl einzunehmen, die Wahl, die das Leben
vergrößert, erweitert und mehr Leben erzeugt.“

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